| Rennes le Chateau - das Rätsel in den Pyrenäen
Der Tempel und die Lade – Argumente für das Unmögliche An sich ist Rennes le Chateau ein unbedeutendes Nest. Es liegt etwa 40 km südlich von Carcassonne auf einem Höhenzug inmitten der Landschaft des Rhazès. Das Landhaus Villa Bethania, die eigenwillige Tour Magdala und die Ruinen des Schlosses d’Hautpoul künden davon, daß der Ort einstmals bessere Zeiten gesehen hat. Dennoch tummeln sich dort heute
zahlreiche Besucher, viel mehr, als der Ort Einwohner zählt. Es ist die Geschichte, die Rennes le Chateau diese seltsame Anziehungskraft verleiht, und es trotz seines Zustandes für Fremde so interessant macht. Vor mehr als 100 Jahren geschahen in dem weltvergessenen Dorf merkwürdige Dinge. Um 1900 kam der Landpfarrer Berenger Sauniere auf mysteriöse Weise zu unerhörtem Reichtum. Er baute die Villa Bethania, dazu den nach Maria Magdalena benannten Turm im neogotischen Stil für seine Bibliothek
und ließ die Pfarrkirche des Ortes auf eigene Kosten rekonstruieren. Woher hatte Sauniere seinen plötzlichen Reichtum? War er Alchimist und stand mit dem Teufel im Bunde - wie es die Dorfbevölkerung noch heute glaubt? Warum bezahlte ihm dann der Vatikan wahrhaft fürstliche Summen? Hatte Sauniere einen Schatz entdeckt - etwa das Vermächtnis der Westgoten oder des Templerordens? Der sagenhafte Reichtum Saunieres scheint zum Teil tatsächlich aus einem Schatzfund zu stammen, was sich insofern
belegen läßt, als der Pfarrer einige seiner Amtsbrüder aus der Umgebung reich mit Antiquitäten beschenkte. So erhielt der Priester Grassaud einen sehr alten, außerordentlich kostbar verzierten Abendmahlskelch. Dem Abbè Courtaulay aus Couiza verehrte Sauniere eine beträchtliche Menge Münzen, die aus dem 6. und 7. Jahrhundert n. Chr. stammten. Doch zeitgenössische Quellen sprudelten ebenso für Sauniere. Er erhielt großzügige Zahlungen von den Adelshäusern Chambord und Habsburg. Auch Saunieres
Amtsbruder Henri Boudet aus dem Nachbarort Rennes le Bains überwies an den Pfarrer von Rennes le Chateau und sogar an seinen vorgesetzten Bischof Billard in Carcassonne Summen in Millionenhöhe. Sauniere empfing in seinem Refugium so bedeutende Gäste wie den Cousin des österreichischen Kaisers, Johann Salvator von Habsburg, den französischen Kultusminister und die berühmte Operndiva Emma Calvè, die auch seine Geliebte gewesen sein soll. Auch nachdem 1914 sein väterlicher Freund und Berater
Boudet aus dem Leben geschieden war, nahm Sauniere nicht Abstand von seinen immer umfangreicher werdenden Projekten. Während in Europa der I. Weltkrieg tobte, plante Sauniere, Rennes le Chateau mit einem mehrere Meter hohen Wall zu umgeben und das gesamte Dorf mit einem auf neun Säulen ruhenden, mehr als fünfzig Meter hohen Tempel zu überdachen. Das gigantische Bauwerk sollte 8 Millionen Franc in Gold kosten (etwa 120 Millionen Euro), wie einem ersten Kostenvoranschlag von Elias Both,
Saunieres Architekten, zu entnehmen ist. Doch am 17. Januar 1917 erlitt der Priester überraschend einen Schlaganfall, an dessen Folgen er 5 Tage später verstarb. Über Rennes le Chateau sind inzwischen zahllose Publikationen verfaßt worden. Legionen von Forschern versuchten in den vergangenen Jahrzehnten, das Geheimnis Berenger Saunieres zu ergründen. Keinem ist es letztlich gelungen. Umso mehr Spekulationen existieren, wie der Pfarrer zu seinem
enormen Vermögen gelangt sein könnte. Manche glauben, er habe den sagenumwobenen Schatz der Westgoten gefunden. Andere meinen, er habe den heiligen Gral entdeckt oder sei auf Hinweise gestoßen, welche den katholischen Glauben in Frage stellen. Insbesondere die beiden letzten Thesen geistern immer wieder durch die Medien. Sie inspirierten das Autorentrio Lincoln, Baighent und Leigh zu ihrem Buch über den heiligen Gral und seine Erben. Damit legten die Briten den Grundstein für Dan Browns
Bestseller „Sakrileg“, einem Roman, welcher die Gemeinsamkeit von heiligem Gral und dem „Sang Real“, dem „königlichen Blut“ der Christus-Dynastie betont. Demzufolge sei Jesus mit Maria Magdalena verheiratet gewesen. Aus dieser Verbindung gingen Kinder hervor, welche die Gralsdynastie begründeten. Heute noch weilten Nachkommen des Erlösers unter uns, beschützt von einer mächtigen Geheimgesellschaft, der Prieurè de Sion, um eines Tages ihr Vermächtnis einzufordern. Doch
inzwischen stellte sich heraus, dass die Briten es bei ihren Recherchen mit der Wahrheit nicht allzu genau nahmen, und weder eine verborgene Gralsdynastie noch die geheimnisvolle Prieurè de Sion wirklich existieren. Auch „Das letzte Grab Christi“, wie Paul Schellenberger und Richard Andrews vermuten, wird sich nicht in der Nähe Rennes le Chateaus finden. Zwar sind die Recherchen der beiden Briten zum Thema beeindruckend, doch verkennen sie,
daß das bloße Wissen um die mögliche Existenz eines solchen Grabes als Druckmittel nie ausgereicht hätte, um Sauniere und seinen Mitverschworenen ihr luxuriöses Leben durch großzügig bemessenes „Schweigegeld“ zu ermöglichen. Was also könnte Berenger Sauniere entdeckt haben? Das Rätsel um den Abbé wird allgemein mit dem Geheimnis von Rennes le Château gleichgesetzt, da Saunière dort als Priester tätig
war. Nun muß aber das Wissen des Abbé Saunière nicht zwangsläufig nur mit dem Dorf etwas zu tun haben, zumal die Überlieferungen von Zeitzeugen besagen, dass Sauniere zeitweise Rennes le Chateau verlassen hat. In der Literatur existieren sogar Annahmen, die ihn bis nach Paris reisen lassen. Beweise für einen Aufenthalt dort gibt es freilich nicht. Auch anderen Ausflügen Saunieres begegnen viele Forscher mit Skepsis, so den Reisen nach Perpignan oder nach Budapest. Auch wenn kein schriftlicher
Beweis für den Aufenthalt in diesen Städten existiert, so gibt es doch einen logischen Grund, weshalb er dort gewesen sein müsste - in Perpignan und in Budapest besaß der Priester nachweislich Bankkonten. Als gesichert kann gelten, daß Saunière gelegentlich das Dorf verlassen hat. Seiner Haushälterin Marie Dénarnaud hinterließ er in diesen Fällen eine Anzahl von Briefen, die sie während seiner Abwesenheit verschicken sollte. Die Adressaten der
Schreiben konnten also davon ausgehen, daß der Priester in Rennes le Château weilte, auch dann, wenn er eigentlich unterwegs war. Das ist ein Indiz dafür, dass Saunieres Geheimnis nicht nur Rennes le Château betraf, sondern auch andere Orte. Zum einen führen die Spuren des Priesters in die Region Rhone-Alpes, insbesondere nach Lyon. Gemäß der Aussage von Saunieres Haushälterin Marie Denarnaud wurde ein Großteil der Bücher aus seiner Bibliothek nach dem Tod des Priesters veräußert – und
zwar in zwei Lyoner Buchhandlungen. Dabei handelt es sich zum einen um die „Gacon Bücherei“, sowie um die „Derain-Raclet“ Buchhandlung, welche damals in der Rue Bosssuet untergebracht war. Ein Käufer fand dort einige Bücher, welche Vermerke enthielten, der auf den früheren Besitzer schließen lassen: „François Bérenger Saunière, Pfarrer im Department Aude, Dorf von Rennes." Bei den genannten Werken handelt es sich um: „Die Papst-Prophezeiungen des Heiligen Malachias“ von Joseph Maitre
„Die Geschichte der großen Wälder von Gallien und des alten Frankreich“ von L.F.Alfred Maury „Keltische Monumente oder die Suche nach dem Kult der Steine“ von Mr.Camby Den Aussagen von Zeitzeugen nach hatte Saunieres Bibliothek zwar ein beachtliches Niveau, doch war sie nicht derart einzigartig, dass sie von Fachleuten nach seinem Tod hätte katalogisiert
und erfasst werden müssen. Die beiden Buchhändler in Lyon konnten also nichts von der Existenz eines Abbé Saunière und seiner Bibliothek wissen, es sei denn, sie wären ihm in Lyon persönlich begegnet. Demzufolge muß es persönliche Kontakte zwischen dem Priester und den Buchhändlern in Lyon gegeben haben. Dem französischen Forscher Andrè Douzet gelang denn auch der Nachweis, dass Abbè Sauniere sich zeitweise in Lyon aufgehalten hat. Er fand sogar die damalige Adresse des Pfarrers in der Rue
des Macchabées, der Makkabäerstraße im ehemaligen Judenviertel. Sie war auch bekannt als die Straße der Goldschmiede. Diese für einen katholischen Priester merkwürdige Umgebung sollte nachdenklich stimmen. Berenger Sauniere führte ein Doppelleben. Doch Andrè Douzet entdeckte noch mehr. Sauniere pflegte in Lyon Kontakte zum Orden der Martinisten, einer esoterischen Vereinigung jüdischen Ursprungs, der solche charismatischen Persönlichkeiten wie Dr. Gerard Encausse, genannt Papus, und dessen
Mentor, der spirituelle Meister und Heiler Philipp de Lyon, angehörten. Papus und Philipp unterhielten enge Verbindungen zum russischen Zarenhof. Sie galten als Vertraute der Romanows und erklärte Widersacher des russischen Wanderpredigers Rasputin. Auf die von Papus gegründete russische Loge des Martinistenordens gehen höchstwahrscheinlich auch die umstrittenen „Protokolle der Weisen von Zion“ zurück. Diese Verbindungen nach Russland erklären, warum Saunieres Freund Henri Boudet
imstande war, einen Großteil seines merkwürdigen Buches „La vraie Langue Celtique et le Cromleck de Rennes les Bains“ mit Beiträgen aus den St. Petersburger Kulturheften zu füllen. Dies trug ihm unter Fachleuten den wenig schmeichelhaften Vorwurf ein, „ganz überwiegend andere Autoren zitiert“, mit anderen Worten, einfach abgeschrieben zu haben. Doch was hatte ein gläubiger katholischer Priester wie Berenger Sauniere im Judenviertel
von Lyon verloren? Vielleicht gibt sein Vermächtnis Antwort darauf, welches sich seit geraumer Zeit ebenfalls im Besitz von Andrè Douzet befindet. Er behauptet, vor mehreren Jahren ein Landschaftsmodell der Gegend um das Dorf Perillos / Corbieres gefunden zu haben, das Abbè Bérenger Sauniere kurz vor seinem Tod in Auftrag gegeben haben soll. Die Echtheit dieses Models lässt sich damit belegen, dass zu ihm mehrere Briefe Saunieres gehören, die an den Hersteller des Modells gerichtet sind, und
detaillierte Angaben zur Ausführung des Auftrages enthalten. Andrè Douzet ist der Meinung, dass das eigentliche Geheimnis in dieser Gegend nicht in Rennes le Chateau zu finden sei, sondern in dem Dorf Perillos, genauer gesagt, in einem bestimmten Bereich des vorgelagerten Châteaus Opoul. Nach Douzets Ansicht sind auf dem Landschaftsmodell verschiedene Gräber dargestellt. Er ist überzeugt, dass Berenger Sauniere eines dieser Gräber entdeckt und geplündert hat. Des weiteren hat Douzet
historische Unterlagen im Besitz, die auf ein „königliches Grab“ in der betreffenden Gegend verweisen. Er ließ gelegentlich verlauten, einige dieser Gräber selbst aufgesucht zu haben. Wer aber würde 120 Millionen Euro für ein solches Landschaftsmodell bezahlen? André Douzet weiß, dass einige Menschen willens und in der Lage sind, eine Menge Geld dafür zu auszugeben – wenn auch bei weitem nicht 120 Millionen Euro. Allerdings erklärt sich
Saunieres Modell nicht von selbst. Daher dürfte das Modell nur ein Teil des Wissens von Saunière gewesen sein, das der Priester für Geld weitergeben wollte, um seine kostspieligen Projekte zu finanzieren. Wenn man die Geschehnisse in Saunières letzten Lebensjahren betrachtet, dann sagen diese nichts anderes aus, als dass die Anfertigung des Landschaftsmodells und das zu erwartende Einkommen in Millionenhöhe unmittelbar zusammen hingen. Wer hatte so
viel Geld verfügbar, um mehr über Perillos zu erfahren? Was ist in Perillos verborgen, das nicht nur Saunière faszinierte, sondern auch seine „Klienten“ überzeugte? Es muss etwas sein, das bei weitem mehr wert ist als 120 Millionen Euro. Das Geheimnis ist so bedeutend, dass es nur das Geheimnis einer Gemeinschaft gewesen sein kann, geschützt durch diese Gemeinschaft selbst, die davon wusste. Um zu verstehen, wie dieses Geheimnis beschaffen ist, und von wem es gehütet wird, lohnt sich
ein Blick auf die Geschichte des Ortes. Den heute verlassenen Ort Perillos finden wir bei Perpignan im abgelegenen Hinterland der Mittelmeerküste. Dennoch scheint dieses Dorf einst von großer Bedeutung gewesen zu sein, da selbst der berühmte Prophet des 16.Jahrhunderts, Nostradamus, in seinen Centurien auf das nahe gelegene Tuchan verweist. Der Astronom und Geograph Cassini hielt Perillos im 17. Jahrhundert erstmals auf einer Landkarte fest.
Merkwürdigerweise hat Cassini Perillos als „weißen Fleck“ dargestellt. Normalerweise wurde dies nur bei einem unbekannten Gebiet so gehandhabt. Bis heute ist nicht zufriedenstellend erklärt worden, warum Cassini gerade hier auf die Darstellung von Details verzichtete. Der Herr von Perillos war ein Vasall des Herzogs von Barcelona. Als das Land Katalonien 1172 durch den König von Aragon annektiert wurde, sicherten die Herren von Perillos ihre
Treue dem neuen König zu, blieben allerdings in ihrem alten Schloss, obwohl ab 1242 nicht weit davon entfernt eine königliche Zitadelle auf dem alten Oppidum von Opoul entstand. Während des 14.Jahrhunderts wurden die Herren von Perillos zu Beratern des Königs von Aragon. Sie übten großen Einfluss auf ihn aus. Noch immer überstieg die Zahl der Einwohner von Perillos nicht die Zahl von 50 Personen. Es ist klar, dass der Reichtum der Herren von Perillos nicht vom Einkommen oder der Anzahl ihrer
Bevölkerung abhängig gewesen sein kann. Bis 1482 blieben die Grafen von Perillos alleinige Eigentümer ihrer Besitzungen. Dann wurde das Schloss an die Familie de Gléon aus Durban verkauft, die es bis zur französischen Revolution in ihrem Besitz hatte. Der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. annektierte im 17. Jahrhundert das Roussillon für Frankreich. In diesem Zusammenhang bestätigte der königliche Notar Courtade sowohl die Existenz eines „königlichen Grabes“ als auch einer Gemarkung auf
den Besitzungen von Perillos, „die für alle Ewigkeit niemandem gehören dürfe, die niemals veräußert, beliehen oder geteilt“ werden solle – kurz, eines heiligen, unantastbaren Territoriums. Zwischen 1697 und 1720 war Ramon Perillos y Roccaful Großmeister des Malteserordens. Noch im 19.Jahrhundert lebte die Dorfgemeinschaft wie zwei Jahrhunderte zuvor. 1806 wurden 73 Einwohner in 16 Haushalten gezählt. Infolge von Unterernährung und mangelndem Trinkwasser hatte die Bevölkerung stets
mit einer hohen Kindersterblichkeit zu kämpfen. Im Jahr 1916 dann ist die letzte Geburt in Perillos verzeichnet worden. Der letzte Sterbefall wurde 1932 aktenkundig. Nach dem II. Weltkrieg verließen auch die restlichen Einwohner den Ort. Weniger wegen der schwierigen Lebensbedingungen, sondern eher, weil Perillos inzwischen als „Pueblo maledtito“ galt - ein verfluchter Platz, dem man besser fern bleibt. Noch heute raten Einheimische aus der Umgebung dem Fremden freundlich, aber sehr
bestimmt davon ab, über Nacht in den Ruinen von Perillos zu verweilen. Die Gefahren dort, von denen man besser nicht spricht, seien zu groß. Nicht umsonst verkündet die von ungelenker Hand an eine Hauswand gemalte Inschrift „Schweig still, Fremder, und sieh, denn hier haben die Wände Augen und Ohren.“ In den Gemarkungen dieses merkwürdigen Dorfes also, in dem ich noch niemals einen Vogel singen hörte, soll ein Geheimnis verborgen sein, für
welches Saunieres Klienten bereit waren, 120 Millionen Euro zu zahlen? Andrè Douzet jedenfalls ist überzeugt, dass sich hier neben dem bereits erwähnten königlichen Grab auch die Gräber des Joseph von Arimathäa und von Jesus Christus befinden. Das will er aus dem Landschaftsmodell herausgelesen haben. Also noch ein Jesusgrab, diesmal nicht bei Rennes le Chateau, sondern in den Corbieren? Dies wäre nur eine weitere Variation des bekannten Mythos. Meines Erachtens hat Douzet aus seinen
Recherchen lediglich die falschen Schlussfolgerungen gezogen. Um das wirkliche Rätsel von Perillos zu lösen, müssen wir weit in die Vergangenheit zurück gehen. Zu Beginn des achten Jahrhunderts überschritten sarazenische Heere die Pyrenäen. Sie besetzten jenes Gebiet, das damals Septimanien genannt wurde, und zu dem auch die Corbieren und das Rhazes gehörten. Hier entstand ein autonomes, maurisches Fürstentum mit Narbonne als Hauptstadt. Erst Karl Martell vermochte den weiteren Vormarsch der
Sarazenen nach Norden zu stoppen, und drängte die Eindringlinge im Jahr 738 sogar bis Narbonne zurück. Die Stadt selbst vermochte er nicht zu erobern. Sein Sohn, Pippin III. verständigte sich bis 752 mit dem ortsansässigen Adel und brachte auf diese Weise Septimanien unter seine Kontrolle. Nur Narbonne leistete noch Widerstand. Pippin III. und seine Ahnen galten in jener Zeit als Usurpatoren, welche die vor ihnen herrschende Dynastie der Merowinger mit List und Gewalt entthront hatten. Um
seinen Anspruch auf Legitimität zu untermauern, schloß Pippin dynastische Verbindungen mit überlebenden Familien merowingischer Abkunft und sorgte dafür, dass seine Krönung durch den biblischen Ritus der Salbung höheres Ansehen gewann. Diese Zeremonie implizierte, dass die fränkische Monarchie eine legale Fortsetzung des jüdischen Königtums aus dem Alten Testament war. Damit strebte der Usurpator Pippin eine Delegitimierung der Merowinger an, die ihm schließlich auch gelingen sollte. Um seine
Pläne umsetzen zu können, traf Pippin 759 eine Abmachung mit der jüdischen Bevölkerung Narbonnes. Sie sorgte dafür, dass die Stadt von Pippins Truppen eingenommen werden konnte, und bestätigte dessen Anspruch auf die biblische Sukzession. Im Gegenzug gestand Pippin III. den Juden Septimaniens ein eigenständiges Fürstentum zu, welches sie im Jahr 768 offiziell proklamierten. Als Herrscher wurde ein aus Bagdad stammender „Exilarch“ eingesetzt, wie Professor Zuckerman von der Columbia
Universität in seiner bahnbrechenden Arbeit „A Jewish princedom in feudal France“ belegen konnte. Der neue Herrscher wurde zum „Nasi“, dies bedeutet König oder Herrn der Juden Frankreichs, erklärt. Er trug den Namen Makhir David Theoderic. Die britischen Autoren Lincoln, Baighent und Leigh irren an dieser Stelle, wenn sie meinen, der jüdische König sei merowingischen Geschlechts. Er entstammte dem Hause Davids und kam, wie von Zuckerman eindeutig nachgewiesen, aus dem nahen Osten,
um seine Herrschaft anzutreten. Seine Position festigte er ebenso wie die Pippins III. durch seine Heirat mit Alda, einer Schwester Pippins und Tante Karls des Großen. Der spanische Historiker Joaquin Javaloys wies durch seine akribische Recherche nach, dass David Theoderic mit dieser Verbindung zum Stammvater fast des gesamten europäischen Hochadels wurde. In den Dynastien der Habsburger, Kapetinger (Bourbonen), der Taillefer, Lusignan (Könige von Jerusalem!) und Trencavel lebt der „Same
Davids“ fort. Das „Blaue Blut“ ist letztlich jüdisches Blut. Der Begriff an sich legt eine solche Deutung nahe, denn Blau ist auch die Farbe der Priesterschaft im Judentum. So könnte Javaloys unabsichtlich einen Teil des Geheimnisses von Rennes le Chateau entschlüsselt haben, der immerhin den Grund dafür liefert, warum neben den Habsburgern und dem Vatikan auch das Haus Rothschild ein so ausgeprägtes Interesse an den Entdeckungen Henri Boudets und Berenger Saunieres hatte. Das
jüdische Fürstentum von Septimanien bestand formell bis ins hohe Mittelalter, wenn auch Berichte aus dem 13. Jahrhundert nahe legen, dass es sich in dieser Zeit bei dem Nasi nur mehr um einen König ohne Land handelte. In der Zeit nach den verhängnisvollen Kreuzzügen gegen die Katharer und einer flächendeckenden Inquisition sahen sich die Nachkommen des ersten Nasi ebenfalls einer erheblichen Bedrohung ausgesetzt. Sie passten daher ihre Namen den ortsüblichen Gegebenheiten an. Aus dem
hebräischen „Nasi Makhir“ wurde ein „Boudat“ oder „Boudiat“ – okzitanisch für „guter Fürst“. Von „Boudat“ bis zu „Boudet“ ist es phonetisch nur ein kleiner Schritt. Möglicherweise entstammte Henri Boudet also der Nachkommenschaft des jüdischen Herrschers von Septimanien. Dazu passt die Tatsache, dass Boudet, und nicht Sauniere, der eigentliche Wiederentdecker des Geheimnisses gewesen ist, wie ich an anderer Stelle bereits ausführte. Einen weiteren
Hinweis bietet das Buch des Pfarrers „La vraie Langue Celtique et le Cromleck de Rennes les Baines“, in dem er auch sehr ausführlich auf jüdische Opferrituale eingeht, die an sich mit der „wahren Sprache der Kelten“ nichts zu tun haben. Was aber hat das alles mit Perillos zu tun? Die Antwort ist einfach. Professor Zuckerman stützte seine Forschungen zum jüdischen Fürstentum von Septimanien ausschließlich auf historische Quellen.
Archäologische Befunde fehlen bislang. Daher ist Zuckermans Arbeit in wissenschaftlichen Kreisen nicht unumstritten. Nun haben Andrè Douzet und andere Mitglieder der „Societè Perillos“ im Zuge ihrer Recherchen offensichtlich auch Zugang zu einem oder mehreren Gräbern in der Nähe von Perillos erlangt. In seinem Buch „Das Grab des Christus“ gibt Douzet Hinweise auf diese Forschungsarbeiten, in deren Ergebnis ca. 27 kg an historischem Fundmaterial, darunter „Siegel, Waffen und
Münzen“ aber auch „hebräische Manuskripte“ geborgen worden sind. Meines Wissen wurden diese Schriftstücke noch nicht übersetzt. So kann der „Societè Perillos“ nur angeraten werden, eine solche Übersetzung durch jüdische Gelehrte möglichst rasch nachholen zu lassen. Andrè Douzet ist der Meinung, irgendwo bei Perillos befinde sich die Grabstätte Jesu Christi. Er leitet diese Hypothese aus den Beschriftungen auf Saunieres Landschaftsmodell ab, die u. a. von einem „Tombeau du
Christ“ sprechen. Dies heißt nun aber gerade nicht „Grab des Jesus Christus“ auch wenn eine solche Interpretation im Zusammenhang mit Rennes le Chateau verführerisch ist. Die Übersetzung muß vielmehr lauten: „Grab des Gesalbten“, denn Christus bedeutet „Gesalbter“. Gesalbt jedoch waren alle jüdischen Könige seit der Zeit des biblischen Saul. Demnach hat Douzet bei seinen Forschungen höchstwahrscheinlich die Nekropole der jüdischen Herrscher von Septimanien entdeckt.
Dies allein ist eine archäologische Sensation ersten Ranges. Douzet bemerkte selbst, dass in der Gegend um Perillos „im Mittelalter viele Juden siedelten“, erklärte dies aber mit dem hier in großem Stil durchgeführten Goldbergbau. Sein vermutetes „Christusgrab“ ist bei Perillos keinesfalls existent, wohl aber die Gräber des Makhir David Theoderic und seiner Nachfolger – der Ahnen des europäischen Adels. Wie bereits bemerkt, dürfte
Saunieres Landschaftsmodell nur ein Teil jener Informationen gewesen sein, die der Priester gegen erhebliches Entgelt verkaufen wollte. Als Geldgeber für seine aufwendigen Projekte kommen nach den dargestellten Tatsachen jüdische Investoren in Frage. Wofür sollte eine jüdische Gemeinde jedoch 120 Millionen Euro bezahlen? So wertvoll waren die Gräber der Fürsten Septimaniens keinesfalls, wohl aber etwas anderes. Eines befindet sich für jeden gläubigen Juden jenseits aller materiellen
Erwägungen. Es ist das Allerheiligste des Judentums – die Bundeslade und das dazugehörige Tempelgeschirr. Wenn in Südfrankreich über mehrere Jahrhunderte hinweg ein unabhängiges jüdisches Fürstentum existierte, besteht dann nicht auch die Möglichkeit, dass sich hier nicht nur das politische, sondern auch das religiöse Zentrum des Judentums befand? Mit anderen Worten – gab es einen jüdischen Tempel in Septimanien? Ein solcher Tempel ist nur sinnvoll, wenn er die Bundeslade
beherbergt, da eben nicht der Tempel, sondern die Lade der heiligste Gegenstand ist, welcher einem auserwählten Personenkreis unter bestimmten Umständen einen direkten Kontakt mit der Wesenheit JHWH, dem jüdischen Schöpfergott, ermöglicht, so wie im Alten Testament beschrieben. Versuchen wir daher, den Weg der heiligen Gegenstände durch die Jahrhunderte zu verfolgen. Als der Tempel von Jerusalem m Jahre 70 n. Chr. von römischen Truppen unter Titus
geplündert wurde, raubten diese auch das Tempelgeschirr. Dies ist historisch belegbar, da Gegenstände wie die Menora (der siebenarmige Leuchter) oder der Tisch der Schaubrote in Rom auf dem Triumphbogen des Titus dargestellt sind. Überlieferungen berichten, in seinem Triumphzug sei auch das „Gesetz“ gezeigt worden. Konservative Historiker vermuten hier eine Thora, während andere Forscher meinen, bei diesem Gegenstand könne es sich um die Bundeslade handeln. Das ist jedoch
unwahrscheinlich, da ansonsten die Bundeslade auch auf dem Triumphbogen abgebildet worden wäre. Offensichtlich verblieb die Lade also in Jerusalem. Dafür spricht der Umstand, dass der 2. Tempel nicht von gewöhnlichen Bauleuten, sondern von 2.000 Cohen – also jüdischen Priestern – errichtet wurde. Diese nun „Elù Cohen“ – die „auserwählten Priester“ Genannten, ließen sich extra in diversen Bauberufen ausbilden, um das Werk mit eigener Hand zu vollbringen. Dabei
schufen sie offenbar auch Verstecke, damit die Bundeslade nie wieder Feinden in die Hand fallen konnte, wie es bei der Niederlage gegen die Babylonier noch geschehen war. Folgerichtig verschwindet dann die Bundeslade mit der Plünderung des Tempels durch Titus auch spurlos aus der Geschichte. Nicht so die übrigen Tempelgeräte. Ihr Weg lässt sich recht eindeutig nachvollziehen. Zunächst bewahrten die Römer sie unter den eroberten Schätzen in ihrem Pantheon auf. Im Jahr 410 dann plünderten
westgotische Truppen unter Alarich I. die Ewige Stadt. Der Historiker Prokopius beschrieb den Untergang Roms und überlieferte auch, was die Westgoten erbeuteten. „... die Schätze Salomons, des Königs der Hebräer, deren Anblick lohnenswert ist. Denn sie waren größtenteils mit Smaragden verziert und in alten Zeiten von den Römern aus Jerusalem nach Rom gebracht worden“. Es handelt sich hierbei um den Schatz den Titus um das Jahr 70 n.Chr. bei der Eroberung Jerusalems geraubt hatte, und zu
dem auch das Tempelgeschirr gehörte. Doch dieser Schatz brachte den Westgoten Unheil. Alarich I. starb kurze Zeit später, und unter seinen Nachfolgern verfiel das Reich zusehends. In der Geschichte des Judentums von Heinrich Graetz heißt es zum weiteren Verbleib der Tempelgeräte: "Die Juden der byzantinischen Hauptstadt sahen mit Schmerz, wie die heiligen Gefäße des zerstörten Tempels, die von Gefangenschaft zu Gefangenschaft gewandert waren,
durch den Feldherrn Belisar, den Eroberer des Vandalenreiches, aus Karthago, wo sie nahe an ein Jahrhundert lagen, nach Konstantinopel gebracht wurden (534). Neben dem Vandalenfürsten Gelimer, dem Enkel Genserichs, und den Schätzen dieses unglücklichen Königs, wurden auch die jüdischen Trophäen im Triumph aufgeführt. Ein Jude, der mit tiefem Kummer die lebendigen Denkmale von Judäas einstiger Größe in der Gewalt seiner Feinde sah, bemerkte gegen einen Höfling, es sei nicht ratsam, sie in dem
kaiserlichen Palast niederzulegen, da sie Unglück bringen könnten. Wie sie Rom Unheil brachten, das durch Genserich geplündert worden war, so hätten sie auch über dessen Nachkommen Gelimer und seine Hauptstadt Mißgeschick heraufbeschworen. Es sei wohl richtiger, die heiligen Geräte dahin zu bringen, wo sie der König Salomo hatte anfertigen lassen, nach Jerusalem. Dem Juden mag eine schwache messianische Hoffnung geschmeichelt haben, daß, wenn erst die heiligen Gefäße wieder in Jerusalem
eingezogen sein würden, auch die Zerstreuten des heiligen Landes dahin zurückgeführt werden würden. Sobald der Kaiser Justinian Nachricht von dieser Äußerung erhielt, fürchtete sich sein abergläubisches Gemüt vor den Folgen, und er ließ in aller Eile die Tempelgefäße nach Jerusalem bringen, wo sie in einer Kirche aufbewahrt worden sein sollen." Neben der Bundeslade befand sich also auch das Tempelgeschirr ab 535 n. Chr. wieder in Jerusalem. Wie
könnten diese Gegenstände schließlich nach Südfrankreich gelangt sein? Es besteht die Möglichkeit, dass die Begründer des Templerordens Bundeslade und Tempelgeschirr im Heiligen Land fanden und nach Frankreich brachten. Der Mönchsritterorden wurde offiziell am 13. Januar 1129 in Frankreich geschaffen. Sowohl um seine Entstehung als auch um seine spätere Tätigkeit ranken sich zahllose Legenden. Verbürgt ist, daß sich bereits in den Jahren 1118/19 im Heiligen Land unter Führung der
normannischen Adligen Hugo de Payns und Gottfried de Saint-Omer neun Ritter zu einer Art Polizeitruppe zusammenschlossen, welche "nach Kräften für die Sicherheit von Straßen und Wegen sorgen" wollten. Bisher konnte noch kein Historiker zufriedenstellend erklären, wie Hugo de Payns und seine acht Gefährten diese schwierige Aufgabe bewältigen sollten. Aber in den darauffolgenden Jahren schien die Sicherung der Straßen und Wege im Heiligen Land das perfekte Alibi für die tatsächlichen
Aktivitäten dieser Ritter zu bleiben. In Wahrheit unternahmen sie ausgedehnte Reisen, auf denen sie auch diplomatische Kontakte zu den Sarazenen knüpften, und regelrechte archäologische Ausgrabungen durchführten. Alle neun Gründungsmitglieder des Templerordens waren entweder mit dem Grafen Hugo von Champagne verwandt oder aber dessen Lehnsmänner. Dies ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil der Grafenhof der Champagne in Troyes zu den aufgeklärtesten Herrschaftszentren des Mittelalters
gehörte, und sich dort bereits seit dem Jahr 1070 eine angesehene jüdische Schule für talmudische und esoterische Studien befand. Noch vor der offiziellen Anerkennung der Templer auf der Synode von Troyes im Jahr 1129 erhielten sie auf Betreiben ihres Gönners Bernhard de Fontaine - eines später heilig gesprochenen Zisterziensermönches, der die Abtei von Clairveaux gegründet hatte und zu den bedeutendsten Wortführern des Christentums in jener Epoche
gehörte - reiche Schenkungen in Form von Geld, Gütern und vor allem Ländereien. Im Jahr 1128 erließ Bernhard von Clairveaux schließlich ein Traktat, welches er "Das Lob der Neuen Miliz" betitelte und mit dem er die militant religiösen Ziele der Templer zum Ideal und zum Inbegriff aller christlichen Werte erhob. Ein Jahr zuvor waren alle Gründungsmitglieder des Templerordens nach Frankreich zurückgekehrt, und bereits in der ersten Regel des neu gegründeten Ordens schrieb Bernhard von
Clairveaux: "...mit Gottes und unserer Hilfe...ist das große Werk vollendet worden...". Welchen Sinn sollte diese Aussage haben, wenn sie sich auf die Aktivitäten der Templer zwischen 1118 und 1127 bezog? Was war in diesem Zeitraum Bedeutendes geschehen? Hatten sie etwa im Heiligen Land statt "die Pilger zu schützen" etwas unendlich Wertvolles gesucht und gefunden, von dem Hugo de Payns während seiner Teilnahme am ersten Kreuzzug erfahren hatte? Eine Antwort darauf bieten
die sogenannten Schriftrollen vom Toten Meer. Ihre Entdeckung im Jahre 1947 stellte manche sicher geglaubte Erkenntnis über das frühe Christentum in Frage, und ließ bisher schwer verständliche Bibeltexte in einem neuen Licht erscheinen. Außerdem vermittelte sie Einblicke in Ereignisse und Ideen, die das Heilige Land in den letzten Jahrhunderten der jüdischen Unabhängigkeit beherrschten. Eine dieser Rolle war eine regelrechte Schatzkarte. Sie schildert 23 Verstecke am Tempelberg von Jerusalem,
die materielle und „geistige“ Kostbarkeiten bergen sollten. Möglicherweise befand sich darunter auch die Bundeslade. Als israelische Archäologen in den sechziger Jahren des 20.Jahrhunderts den Beschreibungen der Qumranrolle folgten, fanden sie zwar alle Verstecke, doch diese waren leer. Offenbar sind die Templer den modernen Ausgräbern zuvorgekommen. Die Überlieferungen berichten von riesigen Mengen an Gold- und Silberbarren, heiligen Gefäßen und nicht näher bezeichneten
Wertgegenständen, die sich im Besitz der Templer befunden haben sollen. Oft ist auch die Rede von einem "geistigen Schatz" und von uraltem Wissen, das aus dem alten Ägypten stammen dürfte und sich auf die Geheimnisse der Baumeister der Pharaonen bezieht. In den Jahren nach der Ordensgründung wurden am Hof zu Troyes zahlreiche sehr alte hebräische Texte übersetzt, wozu manchmal sogar Rabbiner aus dem Hochburgund hinzugezogen werden mußten. Möglicherweise übergaben die Templer der
jüdischen Gemeinde von Septimanien die Bundeslade und das Tempelgeschirr, um sich im Gegenzug materielle wie auch geistige Unterstützung bei ihren Vorhaben zu sichern. Die Juden in Septimanien hingegen hofften, mit der Vereinigung von Bundeslade und Tempelgeräten in einem neuen Tempel möge auch die Zeit der Diaspora ein Ende finden. Gibt es Hinweise auf diesen neuen jüdischen Tempel? Hier helfen ebenfalls die Schriftrollen vom Toten Meer weiter. Eine von Ihnen wird als „Tempelrolle“
bezeichnet. Obwohl sie von allen aufgefundenen Schriften am besten erhalten ist, widmeten sich ihr bislang erst wenige Forscher. Einer von Ihnen, der Archäologe Yigael Yadin, war von dieser Rolle so begeistert, dass er sie als eine „verborgene Thora vom Toten Meer“ bezeichnete. Das ist eigentlich Gotteslästerung, denn die Thora stellt den ältesten und heiligsten Text des Judentums dar, der direkt von JHWH offenbart worden sein soll. Der blasphemische Titel von Yadins Buch unterstreicht
daher die Bedeutung dieser Schriftrolle, die eine Anleitung zum Bau eines neuen jüdischen Tempels darstellt. Dieser ist freilich von so gewaltigen Dimensionen, dass er keinesfalls auf den Tempelberg Moria zu Jerusalem passt. Nach Yadin müsste das benachbarte Kidrontal vollständig mit Erdreich aufgefüllt werden, um Platz für den neuen Tempel zu schaffen. So kommt der jüdische Forscher denn auch zu dem Schluß, dass es sich bei dieser Beschreibung nur um einen „spirituellen Tempel“ handeln
könne. Yadin ist so überzeugt, dass der Tempel in Jerusalem errichtet werden muß, dass er gar nicht die Frage stellt, ob so ein Gebäude anderswo existieren könnte. Bei näherer Betrachtung der Tempelrolle drängt sich jedoch die Idee auf, dass hier ein unterirdisches Bauwerk beschrieben wird. In der Tat gibt es keinen Hinweis, dass ein Tempel für die Bundeslade unbedingt oberirdisch gebaut werden muß. Hierzu passen auch kabbalistische Texte, die ebenfalls von einem unterirdischen „Tempel des
Herrn“ in den Pyrenäen sprechen. Wo könnte sich ein solches Heiligtum befinden? Unweit von Perillos erheben sich auf einem Tafelberg die Ruinen des bereits erwähnten Chateau Opoul. Dieser Berg wird „Salvaterra“ genannt – „gerettete Erde“. Hier liegt sich auch jene von Notar Courtade beschriebene Gemarkung eines heiligen Platzes. Diese Indizien sprechen eine eindeutige Sprache. Doch es gibt noch weitere Hinweise auf das
jüdische Heiligtum. Wie bereits erwähnt, trug die jüdische Priesterkaste den Zunamen „Cohen“. Normalerweise dürfte es seit der Zerstörung des Tempels durch die Römer im Jahre 70 n. Chr. keine jüdischen Priester mehr geben, da es auch keinen Tempel mehr gibt. Dennoch existiert die Kaste der Cohen weiter und genießt nach wie vor im Judentum höchste Ehren und uneingeschränkte Anerkennung. Heute noch heiraten die Mitglieder der weltweit etwa 600 Cohen-Familien ausschließlich untereinander.
Sie unterscheiden sich nachweislich genetisch von den übrigen Menschen. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wiesen amerikanische Genetiker das sogenannte „Cohen-Gen“ nach, welches allen anderen Menschen fehlt. Die Cohen sind strikt von den jüdischen Rabbis zu unterscheiden. Der Rabbi ist ein Lehrer, welcher in der Synagoge, dem „Lehrhaus“, das Volk unterweist. Die Cohen hingegen sind Priester, deren Dienst im Tempel ausschließlich dem jüdischen Schöpfergott JHWH gilt.
Anders als im Christentum ist hierbei die Anwesenheit der Gemeinde nicht zwingend erforderlich. Zugang zum Allerheiligsten des Tempels, in dem sich die Bundeslade befindet, hat ohnehin nur der Hohepriester, und dies auch nur einmal im Jahr zu einem bestimmten Datum – dem Purimfest. Dann betritt der Hohepriester in spezieller Kleidung, die im alten Testament ausführlich beschrieben wird, das Allerheiligste und spricht im Angesicht der Bundeslade den wirklichen Namen JHWH’s aus. Da
es sich beim Hebräischen um eine Konsonantenschrift handelt, deren Vokalisierung ausschließlich mündlich an künftige Priester oder Rabbis weitergegeben wird, kennt immer nur der Hohepriester den wahren Namen Gottes. Hintergrund dafür ist der Glaube, dass mit der Kenntnis des wahren Namens eines Wesens derjenige Macht über dieses Wesen erlangt, der den Namen ausspricht. So nimmt es nicht Wunder, dass König Salomon den Dämonenfürsten Asmodi auf diese Weise verpflichten konnte, für ihn den Bau
des 1. Tempels von Jerusalem zu bewerkstelligen. Im 12. Jahrhundert füllte der jüdische Gelehrte Abraham Abulafia mehr als 40 Bücher mit Permutationen des Namens JHWH, in der Hoffnung, den einzig wahren Namen Gottes damit zu finden. Wenn der Hohepriester den wahren Namen Gottes ausspricht, so manifestiert sich als Antwort darauf die sogenannte „Schechina“, die „Gegenwart Gottes,“ zwischen den beiden Cherubim, die auf der Bundeslade montiert sind. Auf diese Weise vermag der
Hohepriester mit JHWH zu kommunizieren. Allerdings ist der Umgang mit diesem Wesen offensichtlich nicht ungefährlich, denn neben seiner Schutzkleidung trägt der Hohepriester zusätzlich noch eine silberne Fessel um das rechte Fußgelenk, deren Kette bis in den Vorraum des Allerheiligsten reicht. Dort warten zwei weitere Priester. Solange die Glöckchen klingen, welche am Saum des hohepriesterlichen Gewandes befestigt sind, besteht für sie kein Grund zum Handeln. Verstummt der silberne Klang
jedoch, oder hören sie einen Fall, müssen sie so schnell wie möglich den Hohepriester an der Kette aus dem Allerheiligsten ziehen. In den Fällen, da ein solches Handeln notwendig wurde, war der Betreffende allerdings zumeist bereits tot. Leben nun möglicherweise jüdische Priester in Südfrankreich? Recherchen vor Ort ergaben, dass in den Departements Aude und Pyreneès Orientales, zu dem auch das Gebiet um Perillos gehört, mehrere jüdische Familien
mit dem Namen Cohen gemeldet sind. Sie könnten heute die Priesterschaft des verborgenen Tempels stellen, in dem seit über achthundert Jahren die Bundeslade bewahrt wird. Das ist in der Tat ein Geheimnis, von dem bereits ein Amtsbruder des Abbè Sauniere meinte, es „könne die größten Umwälzungen verursachen“. Hvidbjerg, Südjütland, März 2008 Thomas Ritter Verwendete Literatur Andrews, Richard, Schellenberger, Paul, Das letzte Grab Christi, Bergisch-Gladbach, 1996 Baigent, Michael, Leigh, Richard, Lincoln, Henry, Der Heilige Gral und seine Erben, 4. Auflage, Bergisch-Gladbach, 1991 Boudet, Henri, La Vraie Langue Celtique et Le Cromleck de Rennes-les-Bains, 1886 / 1984 Douzet, Andrè, Das Grab des Christus – Saunieres letztes Geheimnis, Vaihingen/Enz, 2006
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